Er lässt die Sau raus – das ganze Jahr
LUDWIG SCHERMS SCHWEINE SIND NUTZTIERE UND DARUM SOLLTEN SIE SICH SAUWOHL FÜHLEN
NAME: Ludwig Scherm
GEBURTSJAHR: 1980
GEBURTSORT: Gräfelfing
WOHNORT: Höllmannsried (bei Kirchberg im Wald)
MEIN LIEBLINGSORT IN NIEDERBAYERN:Die Weiden, auf denen wir mit unseren Schafen und Ziegen einen Beitrag zur Landschaftspflege leisten. Da vereinen sich Natur- und Kulturlandschaft aufs Beste.
GELERNTER BERUF: Raumausstatter, Landwirt
MEINE BERUFUNG: Der Ausdruck Landwirt umfasst es nicht ganz. Meine Berufung ist die ganz eigene Art der Tierzucht und Landbewirtschaftung, wie ich sie für richtig halte. Ein breitgefächertes Wissen ist mir ebenso wichtig wie ein breit aufgestellter Betrieb.
…ÜBE ICH AUS SEIT: 2000
MEIN MENTOR UND LEHRMEISTER: Zu allererst mein Vater, aber auch viele, viele andere, die mir im Rahmen der Ausbildung, bei Fortbildungen und Netzwerkarbeit begegnet sind und immer noch begegnen
MEINE LEIBSPEISE ALS KIND: Pfannkuchen
MEINE AKTUELLE LEIBSPEISE: Pfannkuchen stehen auch heute noch hoch im Kurs! Ansonsten nach tagesaktueller Stimmung. Jedes Lebensmittel hat seinen eigenen Stellenwert.
LIEBLINGSGETRÄNK: dunkles Weizen-Radler
DA KAUFE ICH EIN / DA GEHE ICH ESSEN: Einkaufen gehe ich gerne bei regionalen Anbietern. Zum Essen gehe ich selten, dafür besonders gerne ins Re(h)serviert in Oberfrauenau. Nicht nur, weil es dort Fleisch von meinen Schweinen gibt, sondern weil Küche und Service einzigartig sind.
DAS DARF IN MEINER KÜCHE NICHT FEHLEN: Pfeffer
MEIN KÜCHENTIPP: Produkte möglichst unverfälscht belassen, wenige, ausgewählte Gewürze verwenden und den Eigengeschmack genießen.
Ludwig Scherm blickt auf eine Muttersau, an deren Zitzen die Ferkel hängen. Viele kleine Tiere – und dazwischen zwei etwas größere. „Die gehören zu einer anderen Mutter, aber haben sich offensichtlich hier reingeschlichen“, merkt Ludwig Scherm an und hebt eines der etwas größeren Schweine sachte hoch. „Ja, genau, dich meine ich.“ Das Ferkel quäkt erstaunt. Ludwig Scherm setzt das Tier zurück zu den anderen. Ob er noch einmal eines hochheben kann für ein Foto? Ludwig Scherm überlegt und setzt sich dann neben die Tiere auf den Boden: „Ich will ja was vermitteln.“
Schweine haben Höhenangst. Hält man ein Ferkel auf dem Arm, gerät es beim Blick in die Tiefe in großen Stress. Darum hat Ludwig Scherm aufgehört, solchen Wünschen zu entsprechen. „Und weil Kinder bei den Hofführungen die Schweine sonst auch hochheben wollen, wenn ich das so vormache.“ Zeigen, dass es anders geht – das ist für Ludwig Scherm Antrieb und Leidenschaft gleichermaßen: „Als Mensch hinterlässt man unweigerlich seinen Fußabdruck auf der Erde. Entscheidend ist, was man dafür tut, dass er nicht zu groß ausfällt.“
Auf seinem Biohof in Höllmannsried bei Kirchberg im Wald tut Ludwig Scherm einiges. Er züchtet und hält eine seltene und gefährdete Nutztierrasse – das Schwäbisch-Hällische Schwein. Ludwig Scherm lässt die Sau raus – seine Tiere haben ganzjährig freien Auslauf. Rund zwölf Hektar Hoffläche werden nicht nur von Schweinen beweidet, sondern auch von Ziegen und Geflügel. Auf weiteren fünfeinhalb Hektar kultiviert Ludwig Scherm Sommergerste, Ackerbohnen, Tritikale, Erbsen und Hafer, die ihm als Futtermittel für die Tiere dienen. Ludwig Scherm ist aber auch offizieller Landschaftspfleger. Mit seinen Tieren pflegt er die extensiven Flächen in der Umgebung: „Das ist ein weiterer Beitrag zum Natur-, Landschafts- und Artenschutz.“
Ludwig Scherm ist ein Original, wie man nicht leicht eines findet. Seiner Berufung einen Namen geben? Schwierig. Landwirt oder Bauer, das trifft es in seinen Augen nicht zu hundert Prozent. Eben weil auf dem Scherm-Hof alles bewusst ein wenig anders läuft. Dabei besteht Ludwig Scherm keineswegs darauf, das allein Seligmachende zu tun. „Manches ist noch nicht so, wie ich es gerne hätte“, sagt er immer wieder selbstkritisch und holt dann aus zu erzählen. Über konventionelle Tierhaltung und biologische, über EU-Vorschriften und Gesetze, über Veganer und Fleischesser – wobei er stets betont: Diese Themen sind komplex, einfache Antworten oder ein „Schwarz-Weiß“ sind fehl am Platz. Man muss differenzieren. Diese Überzeugung speist seinen Wissensdurst. Wo immer es eine Fortbildung, eine Möglichkeit zum Austausch oder Netzwerken gibt – Ludwig Scherm ist dabei: „Ohne breitgefächertes Wissen kann ich mir ja keine Meinung bilden.“
1980 in Gräfelfing geboren und bei Andechs aufgewachsen, ist Ludwig Scherm heute rund um Höllmannsried bekannt wie ein bunter Hund. Aufgewachsen ist er aber zunächst in Oberbayern. Als sich die Eltern trennten, erwarb sein Vater Max Scherm im Bayerischen Wald ein altes Sacherl und betrieb eine Schusterei, weswegen der Hof heute noch unter dem Namen „Beim Schuster“ bekannt ist. 1993 begann Max Scherm außerdem eine Schweinezucht. „Er hat einen Ort gesucht, um Tiere zu halten – und das hat er nach und nach ausgebaut“, blickt Ludwig Scherm zurück, dessen Berufswunsch einst „etwas Handwerkliches“ war. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Raumausstatter in München-Sendling.
In arbeitsfreien Zeiten zog es ihn aber bereits nach Höllmannsried zum Vater: „Weil das komplette Surrounding hier passte.“ Es passte so gut, dass Ludwig Scherm im Jahr 2000 ganz in den Bayerwald zog und gemeinsam mit dem Vater die Schweinezucht ausbaute – entgegen dem Strukturwandel bewusst kleinbäuerlich mit dem Fokus auf Freilandhaltung. Und mit der Absicht, ökologisch zu wirtschaften. 2003 folgte die Zertifizierung zum Biobetrieb.
Ludwig Scherm absolvierte den Betriebswirt und machte an der Abendschule in Passau eine Ausbildung zum Landwirt. Vorbehalte von Vertretern der konventionellen Landwirtschaft musste er sich sogar in der Gesellenprüfung gefallen lassen. Die erste Fangfrage – „schöner Weizen hier, gell?“ – quittierte Ludwig Scherm passend: „Das ist ein Gerstenfeld.“ Doch als der Prüfer wissen wollte, was man zur Optimierung des Pflanzenwachstums mache, antwortete Ludwig Scherm bewusst: „Nichts.“ Für den Prüfer sei das eine große Enttäuschung gewesen. Jemand wie Ludwig Scherm – der könne doch nicht die Zukunft der Landwirtschaft sein?
Ludwig Scherm muss schmunzeln. Die Prüfung hat er trotzdem bestanden. Und heute kommen nicht selten Berufskollegen zu ihm, um zu erfahren, warum er die Dinge macht, wie er sie macht. So war Ludwig Scherms Betrieb auch einer von gut 300 vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ausgewählten „Demonstrationsbetrieben Ökologischer Landbau“. Der Hof, auf dem Ludwig Scherm aktuell mit seiner Partnerin, deren Tochter und seinem Vater lebt, ist überdies ein sogenannter Erlebnisbauernhof. Immer wieder kommen Schulklassen zu Führungen: „Reelle Eindrücke schaffen – darauf kommt es mir an.“
Auch als Raumausstatter nimmt Ludwig Scherm noch Aufträge an – wenn es seine Zeit zulässt. Die ist knapp, denn zu Ludwig Scherms Konzept gehört, dass er morgens erst einmal gute drei Stunden damit zubringt, seine rund 100 Schweine zu füttern. Neben den selbst angebauten Futtermitteln verwendet er die Brotreste einer Biobäckerei. In der Vegetationszeit von Mai bis Anfang November sind die Schweine auf der Weide, Zugang zum Außenbereich haben sie ganzjährig. Durch mobile Unterstände hat Ludwig Scherm einen Schutz für seine Tiere bei widrigen Wetterverhältnissen geschaffen. „Wobei das Schwäbisch-Hällische Schwein äußerst robust und damit weidetauglich ist“, weiß Ludwig Scherm. Besonders wichtig ist ihm die Familienhaltung: Alle Tiere vom kleinen Ferkel bis zum Eber leben in einer Rotte zusammen. Im Schweinestall gibt es keinen Spaltenboden, sondern einen Lehmboden. Je nach Witterung wird er mit Stroh und Heu eingestreut, das die Tiere kreativ zum Nestbau nutzen.
Fleisch und Wurstwaren vermarktet er direkt. Sie können nach Absprache auf seinem Hof abgeholt werden. Neben seinem Schweinefleisch hat Ludwig auch Fleisch von seinen Ziegen und Gänsen im Angebot. Der Fokus liegt aktuell auf den Schweinen. Gegen einen Online-Handel hat sich Ludwig Scherm bewusst entschieden. „Es würde mein Konzept konterkarieren, wenn ich die Ware verschicke. Über regionale Abnehmer freue ich mich hingegen ganz besonders.“ Neben Privatleuten gehört dazu auch das „Re(h)serviert – Wirtshaus der Genusskultur“ in Oberfrauenau, das die besondere Qualität von Ludwig Scherms Schweinen schätzt.
Mit einem Umstand jedoch ist Ludwig Scherm nicht glücklich: „Ich kann meine Schweine nicht hier direkt auf meinem Hof schlachten. Noch nicht.“ Die Ausbildung zum Schlachter hat Ludwig Scherm erfolgreich abgelegt, jedoch bekam er für die Verwendung eines Bolzenschussapparats bislang keine Genehmigung. Eine Betäubung der Tiere mit der Elektrozange wäre möglich: „Diese Methode ist allerdings in der Praxis kaum praktikabel“, sagt Ludwig Scherm und macht kein Geheimnis daraus, dass ihm das nicht gefällt. „Der Schlachthof selbst ist für die Tiere nicht das Schlimmste. Aber der Transport bereitet ihnen Stress, das kann ich nicht wegdiskutieren.“ Ludwig Scherm hofft, dass die Vorgaben früher oder später auf seiner Seite sind – dann wäre sein Schweineglück perfekt.
Bild: Sepp Eder
ICH VERBINDE GENUSS MIT…
Ich bin kein Genussmensch im klassischen Sinne, empfinde aber die Verfügbarkeit hochwertiger Lebensmittel als Genuss. Vor allem die regionale Verfügbarkeit hat einen großen Wert. Wenn morgen die Welt untergeht, bekomme ich beim Nachbarn immer noch ein Ei – und das ist großartig.
MEINER BERUFUNG GEHE ICH NACH, WEIL…
…es meine Leidenschaft und mein innerer Antrieb ist, durch meinen Hof einen Beitrag zu einer nachhaltigeren und gerechteren Welt zu leisten. Bei den Hofführungen geht es mir vor allem darum, reelle Eindrücke zu vermitteln. Ein Kind, das einmal ein echtes Schwein mit Borsten berührt hat, lässt sich ein Schwein nicht länger als Kuscheltier vormachen.
DIE GRÖSSTEN HERAUSFORDERUNGEN SEHE ICH AKTUELL…
… in der Entwicklung der Gesellschaft. Der Ton ist rauer geworden und es fehlt häufig an Differenziertheit und einem adäquaten Dialog.
WENN ICH IN DIE ZUKUNFT BLICKE, DANN…
… kann ich nur sagen: spannend. Bei mir daheim und in der Welt
MEIN PERSÖNLICHER TIPP FÜR EINEN NACHHALTIGEN LEBENSMITTELKONSUM LAUTET:
Vor Ort kaufen – ob bio oder konventionell. Der Bezug zum Erzeuger hat einen großen Wert.
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